Grenzen im Umgang mit Narzissten

Grenzen im Umgang mit Narzissten - Andrea von Graszouw

Grenzen im Umgang mit Narzissten

Warum manche Menschen sich mit Regeln nicht managen lassen — und was das für Sie bedeutet

Es gibt einen Satz, den ich in über drei Jahrzehnten Praxis noch nie in einem Ratgeberartikel gelesen habe — obwohl er der ehrlichste ist, den man zu diesem Thema sagen kann:

Die Grenzen im Umgang mit Narzissten liegen nicht dort, wo die meisten sie vermuten. Sie liegen nicht bei der falschen Technik, nicht bei mangelnder Konsequenz. Sie liegen bei der Person selbst.

Manche Menschen sind mit Regeln nicht zu managen. Nicht mit besseren. Nicht mit mehr. Nicht mit anderen.

Prof. Prim. Dr. med. Reinhard Haller, Psychiater, Psychotherapeut und einer der renommiertesten Experten im deutschsprachigen Raum, formuliert es ohne Umschweife: „Narzisstische Reaktionen sind modulierbar — aber eine narzisstische Persönlichkeit ist nicht zu heilen. Hier hilft nur Flucht ohne Wiederkehr.“

Das ist kein Ratschlag. Das ist eine klinische Aussage. Und sie verändert alles.

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Zwei Kategorien — ein kategorischer Unterschied

Jeder Mensch zeigt narzisstische Züge. Geltungsbedürfnis, Empfindlichkeit gegenüber Kritik, das Bedürfnis nach Anerkennung — das ist menschlich, situativ, modulierbar. Mit Menschen, die narzisstische Reaktionen zeigen, kann man arbeiten. Man kann Grenzen setzen, Gespräche führen, Dynamiken verändern.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist etwas fundamental anderes.

Hier geht es nicht um Züge, die in bestimmten Situationen hervortreten. Hier ist die gesamte Persönlichkeitsstruktur so organisiert, dass Empathie strukturell nicht möglich ist — nicht situativ eingeschränkt, sondern strukturell absent. Schuldzuweisungen sind kein Verhaltensmuster, das sich durch Feedback verändert. Sie sind das Betriebssystem.

Wer diesen Unterschied nicht kennt, wird Jahre damit verbringen, sich selbst zu verbessern — und sich zu fragen, warum es trotzdem nicht besser wird.

Was narzisstische Führung mit einer Organisation macht

Bevor ich zum Menschen spreche, spreche ich zur Organisation — weil dort die Schäden zuerst sichtbar werden, auch wenn sie zuletzt benannt werden.

Narzisstische Führungspersönlichkeiten wirken zunächst anziehend. Ausstrahlung, Präsenz, Entschlossenheit — Eigenschaften, die Gremien und Aufsichtsräte als Führungsstärke interpretieren. Was sie nicht sehen: Diese Energie dient ausschließlich dem Selbstzweck. Das Unternehmen ist Kulisse, nicht Auftrag.

Was folgt, ist strukturell vorhersehbar. Entscheidungen werden zentralisiert — nicht aus Effizienz, sondern aus Kontrollbedürfnis. Offene Kommunikation versiegt, weil Vertrauen fehlt und jede Information zum Machtmittel werden kann. Loyalität wird erzwungen, Eigeninitiative bestraft. Die Leistungsträger gehen zuerst — weil sie Alternativen haben und die Atmosphäre früher spüren als andere.

Was bleibt, ist ein System unter permanenter Anspannung. Überdurchschnittlicher Krankenstand. Schlafstörungen. Fehlerhäufung aus Angst vor Kritik. Burnout als Kollateralschaden — nicht als individuelle Schwäche, sondern als systemische Konsequenz.

Ich habe das viele Male beobachtet. Es folgt immer demselben Muster.

Jetzt spreche ich Sie als Mensch an

Wenn Sie bis hierher gelesen haben und dabei an eine konkrete Person in Ihrem Umfeld denken — dann ist dieser Abschnitt für Sie.

Der Umgang mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung bedeutet in erster Linie eines: chronischen negativen Stress. Nicht den Stress eines schwierigen Projekts oder eines anstrengenden Kollegen. Den Stress eines Umfelds, das Ihre Wahrnehmung systematisch in Frage stellt.

Das ist der gefährlichste Mechanismus. Nicht die offenen Angriffe — die erkennt man. Es ist die schleichende Erosion des eigenen Urteilsvermögens. Irgendwann zweifeln Sie nicht mehr an der anderen Person. Sie zweifeln an sich.

Ich kenne das nicht nur aus der Beratung. Ich kenne es aus eigener Erfahrung.

Früh in meiner Karriere habe ich in einem politischen Umfeld gearbeitet — und dort zum ersten Mal verstanden, was Macht mit Menschen macht. Was ich dort gelernt habe, hat mich geprägt.

Aber die präzisere Erfahrung kam später. Ein Geschäftsführer, für den ich gearbeitet habe — charismatisch, überzeugend, mit großen Versprechen. Und hochgradig narzisstisch. Nach einer längeren Auseinandersetzung mit dieser Persönlichkeit zweifelte ich an meiner eigenen Wahrnehmung. Eine Supervision bei einer Psychologin hat mir geholfen, diese verworrene Konstruktion aufzulösen. Ihr Abschlusskommentar war trocken und präzise:

„Persönlichkeiten wie diese bringen Menschen in die Klapse.“

Dieser Satz hat mich befreit. Nicht weil er tröstlich war — sondern weil er die Realität benannt hat.

Heute erkenne ich diese Muster, bevor sie sich festsetzen. Nicht durch Rückzug — sondern durch Klarheit. Genau das ist es, was ich weitergebe.

Wenn Sie anfangen, an Ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln: Holen Sie sich Unterstützung. Nicht irgendwann. Jetzt. Und merken Sie sich: „Flucht ist keine Niederlage.“

Die Grenzen im Umgang mit Narzissten — und die Entscheidung, die niemand für Sie treffen kann

Prof. Haller sagt: Flucht ohne Wiederkehr.

Nehmen Sie diese Worte ernst — auch wenn es Sie etwas kostet. Auch wenn es finanzielle Einbußen bedeutet. Auch wenn es bedeutet, ein Umfeld zu verlassen, in das Sie viel investiert haben.

Das ist keine Niederlage. Es ist eine der schwierigsten und mutigsten Entscheidungen, die ein Mensch in seinem Berufsleben treffen kann. Und manchmal die einzige, die wirklich schützt.

Was das für Organisationen bedeutet

Zurück zur Organisationsperspektive — weil hier die eigentliche Verantwortung liegt.

Unternehmen, die narzisstische Persönlichkeiten befördern, halten oder schützen, zahlen einen Preis. Nicht sofort. Aber verlässlich. In Talentabgang, in Vertrauensverlust, in kultureller Erosion, die sich nicht in Quartalszahlen ablesen lässt — bis es zu spät ist.

Die Frage, die sich Aufsichtsräte, Beiräte und Geschäftsführungen stellen müssen, ist nicht: Wie managen wir diese Person? Die Frage ist: Was sagt es über unsere Organisation, dass diese Person hier Macht ausüben kann?

Das ist Organisationsarchitektur. Und das ist mein Thema.

Was Sie jetzt tun können

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