Konflikte durch Unverbindlichkeit – Unverbindlichkeit als Massenplage

Unverbindlichkeit ist zur Massenplage geworden.

 

Unverbindlichkeit als Massenplage

Konflikte durch Unverbindlichkeit nehmen zu, in Beziehungen, im Kollegenkreis und in Organisationen. Anstatt einer verbindlichen Zusage gibt es häufig nur ein „Jein“. Spontane Absagen sind heutzutage fast die Norm und torpedieren die Planungen und Wünsche anderer Menschen. Dieses Phänomen wird sowohl in beruflichen als auch in persönlichen Zusammenhängen immer häufiger beklagt und bietet reichlich Zündstoff für Konflikte.


Das Bedürfnis nach Klarheit und Verbindlichkeit

Marshall B. Rosenberg hat beschrieben, dass Menschen grundlegend unterschiedliche Bedürfnisse mitbringen. Es gibt Menschen, die mit einem starken Bedürfnis nach Klarheit und Verbindlichkeit ausgestattet sind. Damit sie im Trubel des Alltags bestehen und nicht in die Überforderung kommen, ist für sie ein gewisses Maß an Berechenbarkeit unerlässlich. Sie sind so konditioniert, dass sie Verbindlichkeit mit Respekt und Wertschätzung verbinden. Werden Verabredungen spontan abgesagt, führt das bei den Betroffenen zu persönlichen Enttäuschungen und Kränkungen.


Das Bedürfnis nach Freiheit

Andererseits gibt es Menschen, die einen starken Wunsch nach Freiheit, Spontaneität und Unabhängigkeit verspüren. Sie richten ihr Leben an diesen Bedürfnissen aus, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil es ihrer inneren Logik entspricht.


Der Bedürfnis-Konflikt

Treffen Menschen mit diesen unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinander, sind Konflikte durch Unverbindlichkeit fast unvermeidbar.


Heute so, morgen so

Erschwerend kommt hinzu, dass sich Bedürfnisse in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation verändern und vermischen können.

In einer Coaching-Sitzung erzählte eine Klientin, dass ihr Partner in beruflicher Hinsicht zu 100 Prozent verbindliches Verhalten an den Tag legt. In privaten Zusammenhängen ist er jedoch in keiner Weise verbindlich. Regelmäßig gibt es deshalb Streit in der Beziehung.

Das hat Verwunderung in mir ausgelöst. Ich wollte es genauer wissen und habe nachgefragt. Die Antwort war für mich durchaus nachvollziehbar. Der berufliche Alltag erfordert vom Partner meiner Klientin absolute Verbindlichkeit. Aus diesem Grund verspürt er den Wunsch, sich zumindest in seiner Freizeit flexibel und frei von Zwängen bewegen zu können. Was für ihn ein legitimes Bedürfnis nach Entlastung ist, erlebt seine Partnerin als Missachtung.


Soziale Schmerzen

In der Praxis erlebe ich, dass eine spontane Absage bei den Betroffenen häufig Wut, Enttäuschung oder fühlbar körperliche Schmerzen auslöst. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass durch Zurückweisung und Ablehnung das Gehirn an derselben Stelle aktiviert wird wie bei Erkrankungen oder körperlichen Verletzungen. Diese Stelle bezeichnen die Wissenschaftler als das Schmerzzentrum.

Für das Schmerzzentrum im Gehirn macht es zunächst keinen Unterschied, ob jemand eine tatsächliche körperliche Verletzung erlebt oder von einem Menschen verlassen oder ignoriert wird. Wenn Ablehnung, Zurückweisung oder Ignoriertwerden wehtut, nennt man das neurowissenschaftlich „soziale Schmerzen“.

Im Umgang mit Unverbindlichkeit erlebe ich häufig Hilflosigkeit und Kränkung. Die Betroffenen entwickeln entsprechend ihrem eigenen Konfliktverhalten unterschiedliche Strategien, mit dieser Ablehnung umzugehen. Nicht selten entsteht dabei eine ungesunde Dynamik, die schädlich ist und am Ende die Beziehung der Menschen gefährdet.


Future Faking

Eine drastische Form der Unverbindlichkeit ist das sogenannte Future Faking. Wer das Thema vertiefen möchte, findet dazu einen eigenen Artikel auf dieser Website.

Zum Artikel über Future Faking


Übergreifender Mangel an Verbindlichkeit

Der Mangel an Verbindlichkeit wird gesellschaftlich übergreifend beklagt. Was bislang fehlt, sind Anregungen dazu, wie das Ruder wieder herumgedreht werden kann. Schließlich hat jeder Einzelne die Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen.


Konflikte durch Unverbindlichkeit im Unternehmen

Was im privaten Bereich mit flexiblen Reisebuchungen oder jederzeit kündbaren Abonnements beginnt, wirkt längst in die Arbeitswelt hinein. Organisationen funktionieren auf der Grundlage von Verlässlichkeit. Projekte, Budgets, Personalplanung und strategische Entscheidungen setzen voraus, dass Vereinbarungen Bestand haben.

In der Praxis zeigt sich das anders. Projektzusagen werden relativiert, Verantwortlichkeiten verschoben, Fristen immer wieder neu verhandelt. Führungskräfte berichten von Bewerberinnen und Bewerbern, die einen Arbeitsvertrag unterschreiben und kurz darauf absagen — oder schlicht nicht zum ersten Arbeitstag erscheinen. Innerhalb von Teams wird ein Kurs der Unverbindlichkeit gefahren: Aufgaben sind nicht klar adressiert, Besprechungen werden inkonsequent geführt, Verantwortlichkeiten bleiben ungeklärt.

Die Konsequenz ist immer dieselbe: Vertrauen erodiert. Vertrauen entsteht nicht durch große Visionen, sondern durch eingehaltene Zusagen im Alltag. Führungskräfte, die selbst unverbindlich agieren, senden ein Signal, das sich durch die gesamte Organisation zieht. Konflikte durch Unverbindlichkeit sind dann nicht die Ausnahme, sondern die Struktur.


Warum Unverbindlichkeit selten angesprochen wird

Mit konsequenter Regelmäßigkeit erlebe ich, dass sich Menschen im Freundes- und Kollegenkreis über das Unverbindlichkeitsverhalten einer anderen Person furchtbar aufregen — die betreffende Person aber nicht direkt ansprechen. Meine Standardfrage lautet inzwischen: „Hast du es ihr oder ihm gesagt, dass es dich ärgert und verletzt?“ In neun von zehn Fällen lautet die Antwort: Nein.

Die Aufregung wird geteilt, der Konflikt bleibt unausgesprochen. Das ist genau das Muster, das Konflikte durch Unverbindlichkeit langfristig verfestigt.


Was sich verändern lässt

Unverbindlichkeit lässt sich nicht per Appell abschaffen. Aber der eigene Umgang damit ist gestaltbar.

Wem eine spontane Absage nicht gefällt, dem hilft es, das direkt auszusprechen, klar, ohne Vorwurf, aber unmissverständlich. Wer es mit Wiederholungstätern zu tun hat, dem bringt ein Anruf oft mehr als eine Textnachricht. Und wer merkt, dass sich trotz Gespräch nichts ändert, darf entscheiden, welchen Menschen und Beziehungen er seine Zeit und Energie widmet.

Wer selbst zu Unverbindlichkeit neigt, kann einen anderen Weg wählen: ein klares Nein statt einem halbherzigen Jein. Und wenn doch etwas dazwischenkommt, hilft eine kurzfristig angebotene Alternative mehr als Schweigen oder ein Rückzug in letzter Minute. Der Perspektivwechsel hilft dabei: Was würde man sich selbst in dieser Situation wünschen?


Dieser Artikel in den Medien

Das Thema Unverbindlichkeit hat über diesen Artikel hinaus Aufmerksamkeit gefunden. Auf Basis dieser Veröffentlichung wurde ich von drei renommierten Medien als Expertin interviewt:

iMpuls Magazin / Migros (2024): Unverbindlichkeit: Warum will sich kaum noch einer festlegen? — erschienen in der größten Wochenzeitschrift der Schweiz, 4,5 Millionen Leser.

Spektrum der Mediation (2024): Ghosting — Abschied ohne ein Wort. Über das Phänomen des Kontaktabbruchs und seine Auswirkungen auf berufliche und private Beziehungen.

Kölner Stadt-Anzeiger (2023): JEIN als Massenphänomen — Warum Unverbindlichkeit Beziehungen belastet und was dagegen hilft.


Was Sie jetzt tun können

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