Narzissmus am Arbeitsplatz ist längst nicht mehr nur ein psychologischer Fachbegriff. In Organisationen dient er zunehmend als Erklärungsmuster für Situationen, die als widersprüchlich, belastend oder schwer greifbar erlebt werden: für Gespräche, die sich im Kreis drehen, für Führung, die auf Kontrolle statt Klärung setzt, für Teams, in denen Unsicherheit wächst und offene Rückmeldung ausbleibt.
Die Popularität des Begriffs ist kein Zufall. Viele Beschäftigte erleben im beruflichen Alltag Verhaltensweisen, die sie als übermäßig selbstbezogen, wenig kritikfähig oder manipulativ wahrnehmen. Besonders häufig fällt die Zuschreibung im Zusammenhang mit einem narzisstischen Chef, mit narzisstischen Kollegen oder mit toxischen Teamdynamiken.
Gerade weil der Begriff so anschlussfähig geworden ist, verlangt er jedoch besondere Genauigkeit. Nicht jedes schwierige Verhalten ist Narzissmus. Und nicht jede belastende Konstellation lässt sich durch die Persönlichkeit einer einzelnen Person erklären.
Wer Narzissmus im Job verstehen will, muss deshalb zweierlei zugleich leisten: typische Muster erkennen und vorschnelle Vereinfachungen vermeiden. Erst diese Verbindung schafft die Grundlage für einen Umgang, der nicht nur reaktiv ist, sondern souverän.

